“In Europa haben wir mehr probleme, als uns lieb sind” gespräch mit dem Interimspräsidenten des European Jewish Congress

Wenige tage nach dem Rücktritt des präsidenten Moshe Kantor wählte das exekutivkomitee des European Jewish Congress (EJC) einstimmig den österreicher Dr. Ariel Musikant zum neuen EJC-interimspräsidenten. “Jüdischen Europa” sprach mit ihm.

Jüdisches Europa: Sie waren nicht nur langjähriger Präsident der lsraelitischen Kultusgemeinde Wien sondern fungierten acht Jahre auch als einer der Vize-präsidenten des EJC und stehen diesem seit 2012 als Mitglied des Exekutivkomitees des World Jewish Congress vor. Man kann davon ausgehen, dass sie die politische Arbeit des EJC aus dem Effeff kennen. Wie werden Sie jetzt Ihre Strategie ausrichten? Planen Sie die Strategie und Ziele Moshe Kantors fortzufüh-ren oder setzen sie neue Prioritäten?

Dr. Ariel Muzicant: Der Europäisch-Jüdische Kongress verfolgt keine individuellen Ziele. Der EJC ist keine Präsidialdemokratie, sondern eine parlamentarische Demokratie. Die Exekutive besteht aus 16-17 Mitgliedern. In d er Regel spricht man sich ab und ich werde es genauso bei- behalten, wie es Moshe Kantor gemacht hat. Vielleicht setze ich andere Schwerpunkte, das mag schon sein, aber im Prinzip geht es um das Überleben der jüdischen Gemeinden in Europa und zwar in allen Formen.

Jüdisches Europa: Was sind die wichtigsten Aufgaben für die nächsten Monate?

Dr. Ariel Muzicant: In Europa haben wir mehr Probleme, als uns lieb sind. An erster Stelle steht der Kampf gegen Antisemitismus sowie der Schutz vor Terror und terroristischen Angriffen.

Jüdischen Europa: Bereits unter Moshe Kantor hatten Sie sich stark auf diesem Gebiet engagiert.

Dr. Ariel Muzicant: Mit der EU bin ich darüber seit 2018 im Gespräch. Mit Maram Stern zusammen haben wir zum Beispiel an der Antisemitismus definition gemeinsam mit der Europäischen Kommission und dem Europäischen Rat gearbeitet. Vor zehn Jahren habe ich auch die Sicherheitsabteilung des EJC aufgebaut und eine meiner ersten Amtshand lungen als Präsident des European Jewish Congress war es einen Sicherheitsc heck durchzufüh- ren. Innerhalb von wenigen Stun den habe ich mich informiert und mit den Mitarbeitern über Möglichkeiten gesprochen, wie wir den Gemeinden helfen können, ihre Sicherheit zu erhöhen. Wir haben gerade ein Gespräch mit der EU über die uneinheitliche Erfassung aller antisemitischen Vorfälle in Europa geführt und arbeiten zur Zeit an deren Verbesserung.

Jüdischen Europa: Setzen Sie unter Ihrer Ägid e noch weitere Schwerpunkte?

Dr. Ariel Muzicant: Wenn wiir in Europa leben wollen, benötigten wir diverse Voraussetzungen. Wenn in einigen Ländern über Brith Mila und Schechita diskutiert wird und sie dort verboten werden sollen, nimmt man uns die Grundlage jüdischen Lebens weg. Das müssen die Wirtsl änder jedoch nieht nur erlauben, sondern auch fördern wollen. Und dann ist da noch die Bedrohung durch den Iran und seinen di versen Helfershelfern, die auch in Europa sitzen, ob das der Jihadist, die Hisbollah oder wie die alle heißen mögen. Wir müssen alle möglichen Konsequenzen im Auge behalten. Das sind Schwerpunkte, die mir brennend unter den Fingernägeln liegen. An vorderster Stelle jedoch steht der Ukraine- Krieg.

Jüdisches Europa: Sehen Sie dort eine sich entwickelnde Gefahr für die jüdische Gemeinschaft Europas?

Dr. Ariel Muzicant: Wir wissen noch gar nicht, wie der Krieg in der Ukraine ausgeht und wie dramatisch die Auswirkungen sein werden. Die Gefahr mas- siver antisemitischer Strömungen darf nicht übersehen werden , die durc h kommende wirtschaftliche Probleme begünstigt werden, wenn das Gas nicht mehr genügen d fließt und es viele Arbeitslose geben wird. Bereits jetzt beobachten wir einen explosionsartigen Anstieg rechtsextremistischer Tendenzen. Das Problem ist jedoch kein jüdisches, sondern ein europäisches Thema.

Jüdisches Europa: In der Unzufriedenhe it der Bevölkerung befürchten sie neuen Nährboden für den Auf- wind rechter Parteien und Ideologien. Aber es gibt doch viele positive Entwicklungen, vor allem bei der Hilfe für die ukrainischen Flüchtlinge.

Dr. Ariel Muzicant: Wir wollen jetzt nicht auseinander differenzieren zwischen jüdischen und nichtjüdischen Flüchtlingen. Unsere Hilfestellungen und Hilfsleistungen gehen an ukrainische Flüchtlinge, ohne dabei zu überprüfen, wer ist jüdisch und wer nicht. Ich bin sehi stolz auf die Israelitische Kultusgemeinde Wien, meine Heimatgemeinde. Mit rund 800.000 Mitgliedern sind wir die zweitgrößte lsraelitische Gemeinde Europas, die in absoluten Zahlen nach Polen ukrainische Flüchtlinge aufgenommen hat. Jedem wird geholfen. Ich weiß, dass zum Beispiel in Wien von den ungefähr 1.100 Flüchtlingen, die mittlerweile hier leben, ein beträchtlicher Teil halachisch gesehen, keine Juden sind.

Jüdisches Europa: Bedeutet das, dass in der jüdischen Gemeinde jetzt auch Väterjuden aufgenommen werden?

Dr. Ariel Muzicant: Nein, wir nehmen keine Nichtjuden auf, sondern sie werden von uns unterstützt, sie wohnen hier, sie leben hier.

Jüdisches Europa: Hilfe für sie und vor allem für die ukrainischen Juden brl ngen die Mitglieder d er Wiener jüdischen Gemeinde selber auf?

Dr. Ariel Muzicant: Das machen fünfzig Freiwillige von uns großartig. Jetzt reden wir bereits von 7-stelligen Millionen Beiträgen. Ich versuche den anderen Gemeinden zu suggerieren oder anzuraten, ähnIich aktiv zu werden. Aber ich kann das nicht von ihnen verlangen, es bedeutet sehr viel Arbeit. Um diese Arbeit leisten zu können, muss man es nicht nur machen wollen, man muss es auch machen können. Und es kostet viel Geld, das in Wien beispielsweise von den jüdischen Gemeinden mittels Spenden aufgebracht wird.

Jüdisches Europa: Und die Gemeinden in Europa werden kleiner. In Frankreich zum Beispiel machen sehr viele Alijah und ziehen nach Israel…

Dr. Ariel Muzicant: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. Das ist ein Gerücht. Wenn Sie sich die gesamten Alijah-Zahlen Israels in den letzten fünf Jahren anschauen, werden Sie überrascht sein, dass die Anzahl französischer Juden, die wirklich Alijah gemacht haben, zwar beträchtlich ist, in absoluten Zahlen aber nicht ganz so dramatisch wie es allgemein heißt. Denn viele der Franzosen die angeblich das Land flucht- artig verlassen haben, tanzen inzwischen auf beiden Hochzeiten und leben mittlereei le in Israel wie auc h in Frankreich . Einen wirk- lichen Schw und der Juden Europas gibt es aus Russland, aus der Ukraine und Belarus. Deren Zahl ist wesentlich höher, als die Zahl der Franzosen. Innerhalb der letzten drei Jahren sind aus diesen Ländern mehr jüdische Frauen und Männer nach Israel gezogen als aus Frankreich.

Jüdisches Europa: Sie waren elner der Vorkämpfer für die Rückgabe in der NS-Zeit gestohlenen jüdischen Eigentums. Werden Sie sich auch als lnterimspräsident des EJC mit dem Thema befassen?

Dr. Ariel Muzicant: Ich werde mich sicherlich weiterhin bemühen, mein Wissen und meine Kraft für die Restitution einzusetzen. Doch das gegenwärtige Hauptproblem ist wie gesagt der Krieg in der Ukraine. Angesichts der weltpolitischen Lage, wenn hunderttausende Menschen auf der Flucht sind und davon zigtausende jüdisch sind, sollte das und der Kampf gegen den Antisemitismus die oberste Priorität haben.

Jüdisches Europa: Für Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres ist die ordentliche Generalversammlung des Europäisch-Jüdischen Kongresses geplant. Werden sie sich dann als Präsident zur Wahl stellen?

Dr. Ariel Muzicant: Das weiß ich noch nicht. Das Amt des Interimspräsidenten nahm ich aus Verantwortung gegenüber dem EJC an, einer Organisation, die mir ans Herz gewachsen ist. Ich hatte mich mit 60 Jahren entschieden, als Präsident der lsraelitischen Gemeinde Wiens nach 43 erfolgreichen Jahren aufzuhören und einen Nachfolger aufzubauen. Möglicherweise werde ich etwas Ähnliches auch für den EJC machen. Man sollte anerkennen, dass es Jüngere gibt und ich werde ganz bestimmt nicht kämpfen um Präsident zu bleiben. Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich im Leben erreicht habe.

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